Presse

01.09.2003

Sonderausgabe von Arbeit und Gesundheit, VBG

Keine Macht dem Stress Wer die Selbstständigkeit einschlägt, steht vor verschiedenen Herausforderungen. Eine davon heißt "Stress". Ein "normaler" Arbeitstag ist Illusion, eher der 16-Stunden-Tag die Regel. Es kommt darauf an, wie man mit dem Stress umgeht.
Stress ist ein Phänomen: Viele klagen darüber, nicht wenige behaupten, ihn zu brauchen und manch einer gibt vor, ihn regelrecht zu genießen. Ob beruflich oder privat, der Begriff „Stress“ ist wie selbstverständlich in aller Munde. Doch was ist genau gemeint mit Stress? Ein Blick auf die Herkunft des Wortes bietet richtungsweisende Information: „stress“, engl.: Druck, Spannung. Der Stressforscher Hans Selye übertrug vor gut 50 Jahren den bis dahin nur im technischen Kontext verwendeten Begriff auf menschliche Belange und definierte Stress fortan als „Anpassungsreaktion des menschlichen Körpers“. 

Stress ist Jahrmillionen alt
Für unsere Vorfahren auf freier Wildbahn war er überlebensnotwendig. Bei der Begegnung mit Gefahren und Bedrohungen, etwa in Gestalt eines Säbelzahntigers, spielte sich im Organismus ein hockomplexer, hormongesteuerter Vorgang ab. Er ermöglichte, sich entweder gezielt zur Wehr zu setzen oder aber sein Heil in der Flucht zu suchen („fight or flight“). Dieses System war erfolgreich und ist deshalb in unserem genetischen Programm bis in unsere Tage erhalten geblieben. Nur die „Bedrohungen und Gefahren“ haben sich geändert. Heute sind es nicht mehr die Säbelzahntiger, die uns zusetzen, sondern „Zeitknappheit“, „Effizienzsteigerung“ und „Kostenexpansion “. Nicht Kälte und Hitze stressen den Menschen der industriellen Gegenwart, sondern Autobahnstau, Computerabsturz und Steuererklärung.

Ausnahmezustand Existenzgründung
Existenzgründern wird eine weit überdurchschnittliche Aktionsbereitschaft abverlangt - besonders während der Startphase. Ein „normaler“ Arbeitstag ist Illusion, der Sechzehn-Stunden-Tag eher die Regel. Beseelt von dem Anspruch, möglichst schnell möglichst viel zu schaffen, werden Pausen und die Regeneration insgesamt vernachlässigt.

Hohes Engagement ist die Voraussetzung
Damit einher gehen die Risiken, Projekte und Gesundheit zu gefährden. Das hohe Engagement ist eine wichtige Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg. Der Wille zur Leistung muss jedoch integriert sein in ein durchdachtes und funktionierendes Unternehmenskonzept. Stimmt die Konzeption nicht und es stellen sich Probleme ein, so wird nicht selten versucht, dies durch erhöhten persönlichen Einsatz zu kompensieren. Fehlbelastungen sind vorprogrammiert. Das sollten Existenzgründer immer im Hinterkopf haben und rechtzeitig gegensteuern. Arbeitsbedingter Stress ist oft Ausdruck eines organisatorischen Problems, nicht die Schwäche des Einzelnen. Denken Sie daran, wenn Sie eines Tages nicht nur für sich, sondern auch für Mitarbeiter verantwortlich sind.

Bereit für die Herausforderung
Finden Sie heraus, ob Sie den Schritt in die Selbständigkeit tatsächlich tun wollen. Wenn Sie ein klares „Ja“ erleben, dann starten Sie durch. Formulieren Sie Ihre Ideen in einem ersten Konzept (unbedingt schriftlich!). Unterscheiden Sie „Wünsche“ und „Ziele“. Ein Wunsch darf grenzenlos, phantastischeinfach unrealistisch sein. Ein Ziel hingegen muss Kriterien wie „Terminierbarkeit“, „Messbarkeit“ und „Finanzierbarkeit “erfüllen. Entscheidend ist dabei, was Sie für „realistisch“ halten! Gehen Sie die Dinge selbstbewusst an!

Sind Sie gut gerüstet?
Beugen Sie Stress vor. Neben dem betriebswirtschaftlichen Management für „Zahlen - Daten - Faten“, bedarf es eines Selbst-Managements für Körper, Geist und Seele. Denn was nützt Ihnen geschäftlicher Erfolg, wenn Sie ihn aufgrund einer angeschlagenen Gesundheit nicht genießen können? Streben Sie eine langfristige Balance an zwischen Arbeit und Privatleben („work-life-balance“). Erlernen Sie möglichst rechtzeitig eine Entspannungsmethode und zwar besonders dann, wenn Sie meinen, „so etwas nicht zu brauchen“. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass auf eine Phase der Spannung und Belastung eine Phase der Erholung und Entlastung folgen muss. Andernfalls rächt sich der Körper. Auf dem Weg zum eigenen Chefsessel sollten Sie sich nämlich immer darüber bwusst sein, dass Sie selbst die Verantwortung für sich tragen. Achten Sie ganz besonders auf Ihre „innere Kommunikation“, auf Ihre Gedanken. Sehr viel Stress ensteht nämlich selbstproduziert im Kopf. Der bloße Gedanke an ein mögliches Problem mindert breits Ihre Leistungskraft. Denken Sie daher lösungsorientiert und meiden Sie Killerphrasen wie „Ich kann das nicht!“, „Das wird doch nie was!“. Betrachten Sie eventuelle Rückschläge oder Misserfolge als „Zwischenergebnisse“, die Ihnen wichtge Informationen liefern, um Ihre Strategie entsprechend zu verändern. 

Klingeln die Alarmglocken?
Solange Sie frei entscheiden können, was und wie viel Sie sich zumuten wollen, sind Sie in relativer „Stresssicherheit“. Geraten Sie allerdings dauerhaft unter Druck von außen und bemerken, dass Sie zunehmend Mühe haben all dem nachzukommen, so besteht „Handlungsbedarf in eigener Sache“! Dann lautet das Gebot der Stunde: Entschleunigung! Nutzen sie Ihr Wissen über Stress für sich und für Ihre Mitarbeiter, für die Sie einmal verantwortlich sein werden.

Der Autor Hans-Peter Greif ist Kommunikationswissenschaftler und Seminarleiter der m3teamAG; er gibt unter anderem zu dem Thema Stress Seminare für die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft.

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