Sportpresse
11.05.2005
Sie werden immer älter, sehen aber selten alt aus. Die Torhüter der
Bundesliga haben die Schallmauer von 30 Jahren durchbrochen -
Durchschnittsalter wohlgemerkt. Dafür gibt es gute Gründe.
Kicker Nr. 38 vom 9. Mai 2005
Graue Panther
Sie werden immer älter, sehen aber selten alt aus. Die Torhüter der
Bundesliga haben die Schallmauer von 30 Jahren durchbrochen -
Durchschnittsalter wohlgemerkt. Dafür gibt es gute Gründe.Neulich in Bochum, Training des VfL. "Altersteilzeit..." raunte Christian Vander, 24, mit einem Augenzwinkern, als Torwart-Kollege Rein von Duijnhoven, 37, schon nach dem Warmmachen die Schicht beenden durfte. Ein paar Lockerungsübungen, dann verabschiedete sich der Holländer wieder Richtung Kabine. Auf der Zielgeraden der Saison, und nicht nur da, setzten die Westfalen sowieso auf den Routinier - auch ohne ausgiebige Leistungsnachweise unter der Woche. Wie Vander hätte auch Julian Reinard, 22, in Freiburg entfahren können. Oder Alexander Walke, 21 in Bremen. Oder Michael Melka, 26, in Gladbach. Oder, oder, oder. Die Jungen schauen zu, während die Alten zwischen den Pfosten stehen.
Es herrscht die Dominanz der Dinos.
Der Strafraum als Jurassic Park. Als Residenz der Senioren. Warum? Aus Mangel an Nachwuchs? Nicht doch. Schließlich rühmen die Deutschen sich, international gerade mit ihren Keepern noch eine führende Rolle zu spielen. Was nicht heißt, dass die Talente sich gleich durchsetzen. Sie kreisen in Warteschleifen, während die Konkurrenten mit einem Mehr an Jahren auf dem Buckel die Einsätze fliegen. Ihre Trainer halten an ihnen fest - anders als anderwo in Europa übrigens. Oldies but Goldies; Im Jahr der WM 2006 werden wohl mit Olver Kahn und Jens Lehmann zwei dann 36-Jährige um den Platz im DFB-Team streiten. Wolfgang Fahrian, (63), in den 60er Jahren mit gerade 22 Lenzen selbst Nationaltorhüter, bekommt es heute in seiner täglichen Arbeit als Spielerberater mit: "Erfahrung im Tor ist gefragt." Vielleicht, weil in Zeiten, in denen die Feldspieler statistisch jünger werden, wenigstens auf der Schlüsselposition ein Führungsspieler Not tut. Als Rückgrat, bei der Ausländerüberzahl in der Liga nicht zufällig fast immer auch mit deutschem Pass.
Alter-vor-Sorge, scheint wohl das Motto. Sportpsychologe Axel Görs (53) knüpft diese Argumentationskette: "Im Tor führt fast jeder Fehler zum Gegentreffer. Ein immenser Druck, dem nur derjenige standhält, der Routinen entwickelt, um Fehler zu vermeiden." Dies schafft der Torhüter indem er mit der Zeit Erfahrung sammelt, Lehren zieht. Görs: "Irgendwann handelt er dann nicht mehr intuitiv, sondern aus Wissen heraus." Da Psyche, Stabilität und Verlässlichkeit im oft auf Zentimeter und Zehntelsekunden reduzierten Entscheidungskampf immer wichtiger werden, haben die mit allen Wassern Gewaschenen Vorteile gegenüber den Youngstern. Die springen vielleicht schöner, dafür eben eher auch mal am Ball vorbei.
Wolfgang Fahrian bricht dennoch eine Lanze für den Nachwuchs. "Unter Erfolgszwang fehlt den Trainern doch oft nur Mut, einen Jüngeren zu bringen. solange die Alten einigermaßen die Leistung zeigen, bleiben sie halt drin. Ist ja auch leichter als zu meiner Zeit, als die Knie irgendwann streikten."
Stimmt, sagt Klaus Eder (50). "Prävention und Rehabilitation durch Fachpersonal in den Vereinen macht heute viel längere Karrieren möglich", stellt der Fitmacher aus Donaustauf fest und startet einen kleinen medizinischen Exkurs: "Für Torhüter zählt, anders als für Spieler, die Antizipation deutlich mehr. diese schult er erst während der Laufbahn, sie ist nicht trainierbar. Erst Mitte 20 etwa entwickelt er seine spezifischen Fähigkeiten, indem die Sensomotorik wie Hören und Sehen in die eigene Motorik umgesetzt wird. Zwischen 25 und 35 hat sich die Muskulatur entsprechend entwickelt. Ein klarer Reifeprozess." Dem allerdings setzt der physiologische Prozess Grenzen. Profotiert der Mensch laut Eder in seiner körperlichen Blütezeit von der Fähigkeit zur Rückverformung (Reologie) beanspruchter Körperteile, so wird dieses Kriechen des Gewebes, englisch "Creep", mit zunehmendem Alter problematischer. "Elastin wird nicht mehr produziert. Knochen werden brüchiger, Sprungkraft lässt nach."
Der Tag, an dem bei einem guten Schlussmann Haftcreme nicht etwa an den Handschuhen, sondern an den Zähnen zu vernmuten wäre, steht also nicht bevor. Die Alterspyramide lässt sich keineswegs vollends auf den Kopf stellen, Fußball hebelt Naturgesetze nicht aus. Nach dem Zenit, spätestens so ab 40, verfügen auch die grauen Panther mit der "Eins" auf dem Rücken zunehmend nur noch über submaximale Spritzigkeit. Die mag zwar zum rechtzeitigen Heben der Arme beim Torjubel genügen, nicht aber mehr zum Entschärfen raffiniertester Schüsse. Physiotherapeut Eder: "Meist passiert es im dritten, vierten Lebensjahrzehnt, dass sich die Kurven aus Erfahrung und Leistungsfähigkeit keuzen. Der Geist ist dann womöglich noch willig. Aber das Fleisch wird matt."
Hamburg steuerte in dieser Saison gegen den Zeitgeist. Stefan Wächter (27) löste Martin Pieckenhagen (33) ab. Um die Vergreisung im Tor zu verhindern? "Nein, das war normaler Konkurrenzkampf", sagt Ralf Zumdick (46), mit 34 für Bochum noch im Bundesligator, jetzt Co-Trainer der Hanseaten. Pieckenhagen schwächelte, Wächter glänzte im Training. Zumdick erinnert sich, dass früher schneller zum Anti-Kalk-Mittel gegriffen wurde: " Da galt, dass man ab 32 ans Verjüngen gehen müsse. Heute wird individueller trainiert, auch die Einstellung zur Gesundheit scheint mir bewusster."
Außer dem HSV liegen einige weitere Klubs nicht im Trend. Vergleichsweise jungen Männern vertrauen Stuttgart, Dortmund oder Nürnberg. Bochum nicht. Dort sah Teilzeitarbeiter van Duijenhoven wenige Tage nach erwähnter Anekdote im Spiel in München Rot, fehlte im Abstiegskrimi gegen Mainz. Vertreter Vander lief auf - und patzte beim 2:6 mehrfach. Den Beweis, dass Trainer zu Recht besser auf betagte Ballfänger vertrauen, wollte er damit jedoch sicher nicht antreten.
Es herrscht die Dominanz der Dinos.
Der Strafraum als Jurassic Park. Als Residenz der Senioren. Warum? Aus Mangel an Nachwuchs? Nicht doch. Schließlich rühmen die Deutschen sich, international gerade mit ihren Keepern noch eine führende Rolle zu spielen. Was nicht heißt, dass die Talente sich gleich durchsetzen. Sie kreisen in Warteschleifen, während die Konkurrenten mit einem Mehr an Jahren auf dem Buckel die Einsätze fliegen. Ihre Trainer halten an ihnen fest - anders als anderwo in Europa übrigens. Oldies but Goldies; Im Jahr der WM 2006 werden wohl mit Olver Kahn und Jens Lehmann zwei dann 36-Jährige um den Platz im DFB-Team streiten. Wolfgang Fahrian, (63), in den 60er Jahren mit gerade 22 Lenzen selbst Nationaltorhüter, bekommt es heute in seiner täglichen Arbeit als Spielerberater mit: "Erfahrung im Tor ist gefragt." Vielleicht, weil in Zeiten, in denen die Feldspieler statistisch jünger werden, wenigstens auf der Schlüsselposition ein Führungsspieler Not tut. Als Rückgrat, bei der Ausländerüberzahl in der Liga nicht zufällig fast immer auch mit deutschem Pass.
Alter-vor-Sorge, scheint wohl das Motto. Sportpsychologe Axel Görs (53) knüpft diese Argumentationskette: "Im Tor führt fast jeder Fehler zum Gegentreffer. Ein immenser Druck, dem nur derjenige standhält, der Routinen entwickelt, um Fehler zu vermeiden." Dies schafft der Torhüter indem er mit der Zeit Erfahrung sammelt, Lehren zieht. Görs: "Irgendwann handelt er dann nicht mehr intuitiv, sondern aus Wissen heraus." Da Psyche, Stabilität und Verlässlichkeit im oft auf Zentimeter und Zehntelsekunden reduzierten Entscheidungskampf immer wichtiger werden, haben die mit allen Wassern Gewaschenen Vorteile gegenüber den Youngstern. Die springen vielleicht schöner, dafür eben eher auch mal am Ball vorbei.
Wolfgang Fahrian bricht dennoch eine Lanze für den Nachwuchs. "Unter Erfolgszwang fehlt den Trainern doch oft nur Mut, einen Jüngeren zu bringen. solange die Alten einigermaßen die Leistung zeigen, bleiben sie halt drin. Ist ja auch leichter als zu meiner Zeit, als die Knie irgendwann streikten."
Stimmt, sagt Klaus Eder (50). "Prävention und Rehabilitation durch Fachpersonal in den Vereinen macht heute viel längere Karrieren möglich", stellt der Fitmacher aus Donaustauf fest und startet einen kleinen medizinischen Exkurs: "Für Torhüter zählt, anders als für Spieler, die Antizipation deutlich mehr. diese schult er erst während der Laufbahn, sie ist nicht trainierbar. Erst Mitte 20 etwa entwickelt er seine spezifischen Fähigkeiten, indem die Sensomotorik wie Hören und Sehen in die eigene Motorik umgesetzt wird. Zwischen 25 und 35 hat sich die Muskulatur entsprechend entwickelt. Ein klarer Reifeprozess." Dem allerdings setzt der physiologische Prozess Grenzen. Profotiert der Mensch laut Eder in seiner körperlichen Blütezeit von der Fähigkeit zur Rückverformung (Reologie) beanspruchter Körperteile, so wird dieses Kriechen des Gewebes, englisch "Creep", mit zunehmendem Alter problematischer. "Elastin wird nicht mehr produziert. Knochen werden brüchiger, Sprungkraft lässt nach."
Der Tag, an dem bei einem guten Schlussmann Haftcreme nicht etwa an den Handschuhen, sondern an den Zähnen zu vernmuten wäre, steht also nicht bevor. Die Alterspyramide lässt sich keineswegs vollends auf den Kopf stellen, Fußball hebelt Naturgesetze nicht aus. Nach dem Zenit, spätestens so ab 40, verfügen auch die grauen Panther mit der "Eins" auf dem Rücken zunehmend nur noch über submaximale Spritzigkeit. Die mag zwar zum rechtzeitigen Heben der Arme beim Torjubel genügen, nicht aber mehr zum Entschärfen raffiniertester Schüsse. Physiotherapeut Eder: "Meist passiert es im dritten, vierten Lebensjahrzehnt, dass sich die Kurven aus Erfahrung und Leistungsfähigkeit keuzen. Der Geist ist dann womöglich noch willig. Aber das Fleisch wird matt."
Hamburg steuerte in dieser Saison gegen den Zeitgeist. Stefan Wächter (27) löste Martin Pieckenhagen (33) ab. Um die Vergreisung im Tor zu verhindern? "Nein, das war normaler Konkurrenzkampf", sagt Ralf Zumdick (46), mit 34 für Bochum noch im Bundesligator, jetzt Co-Trainer der Hanseaten. Pieckenhagen schwächelte, Wächter glänzte im Training. Zumdick erinnert sich, dass früher schneller zum Anti-Kalk-Mittel gegriffen wurde: " Da galt, dass man ab 32 ans Verjüngen gehen müsse. Heute wird individueller trainiert, auch die Einstellung zur Gesundheit scheint mir bewusster."
Außer dem HSV liegen einige weitere Klubs nicht im Trend. Vergleichsweise jungen Männern vertrauen Stuttgart, Dortmund oder Nürnberg. Bochum nicht. Dort sah Teilzeitarbeiter van Duijenhoven wenige Tage nach erwähnter Anekdote im Spiel in München Rot, fehlte im Abstiegskrimi gegen Mainz. Vertreter Vander lief auf - und patzte beim 2:6 mehrfach. Den Beweis, dass Trainer zu Recht besser auf betagte Ballfänger vertrauen, wollte er damit jedoch sicher nicht antreten.
Michael Richter
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