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01.03.2002

Sportmagazin Kicker

Neuer Trainer - Neues Glück Die Zurückhaltung beim Thema Mentaltraining ist spürbar. Dabei, da sind sich die Experten einig, können damit Leistungssteigerungen erzielt werden. Dennoch arbeiten nur zwei Bundesliga-Klubs mit Mentaltrainern zusammen - warum?
Das Thema ist tabu. Wenn überhaupt, dann äußern sich Bundesligaprofis nur ganz leise und im kleineren Kreis über eine Form zusätzlicher, ganz individueller Vorbereitung auf das nächste Spiel - das eigene Mentaltraining. »Da spielt die Angst vor der Couch-Schiene mit«, sagt Dr. Arnd Stein (55), der unter anderem Ex-Bundesligaprofi Gerhard Poschner (heute Polideportivo Ejido/Spanien) mental, also geistig-gedanklich betreute. Sein Kollege Axel Görs findet noch deutlichere Worte: »Mentaltraining hat immer auch etwas mit psychologischer Behandlung zu tun. Und für die Öffentlichkeit heißt das, ein Krankheitsbild zu bekämpfen. Doch wer lässt sich schon gerne nachsagen, dass er krank sei«, erklärt der 49-Jährige, der vor der Saison 2001/2002 mit dem HSV ein einmaliges Outdoortraining mit Mentalkomponenten absolvierte. 

Dabei hat das Wort »krank« - wenn überhaupt - nur einen indirekten Bezug zum Zustand eines Fußballers in mentaler Behandlung. Häufig gestaltet sich die Situation bei Mannschaftssportlern nach auskurierter Verletzung kritisch, sie verlieren den Anschluss, der Druck wächst. Oder sie trauen sich nicht mehr so unbekümmert in die Zweikämpfe zu gehen wie vorher, aus Angst, sich wieder zu verletzen. Hier betritt der Mentaltrainer die Bühne. Eine weitere Behandlungsgruppe nennt Axel Görs »Fußballer aus dem zweiten Glied«. Profis, die den Glauben an sich selbst nicht verloren haben, aber meistens auf der Bank sitzen, nehmen schon mal die Dienste eines Mentaltrainers in Anspruch. Andere wiederum haben einfach für sich erkannt, dass sie Dank mentaler Unterstützung »ihre Fehlerquote reduzieren können«, so Dr. Stein. So wie Herthas Josip Simunic (24). Er und Teamkollege Michael Hartmann (28) sind die beiden Spieler, die die meiste Zeit mit Dr. Gerd Driehorst verbringen. Der 40-Jährige steht der Hertha als Mentaltrainer zur Verfügung und hält vorwiegend Einzelsitzungen. Verteidiger Simunic, mittlerweile Berliner Stammspieler, sagt über sein mentales Training: »Mein Problem war, dass ich mir früher zuwenig zutraute. Dr. Driehorst hat mir geholfen zu erkennen, was ich eigentlich kann.« Die Formen der mentalen Behandlung jedenfalls sind vielfältig. Sie reichen von Entspannungs- über Motivationsübungen und Selbsthypnose hin zu Autogenem Training. Ein »sehr wirksames Mittel« nennt Görs die Entspannungsübungen: »Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass der Mensch unter Anspannung nicht seine volle Leistung erbringen kann, sondern nur im entspannten Zustand seine maximale Leistungsfähigkeit zeigt.« Da wird dann auch deutlich, warum sich Nationaltorwart Oliver Kahn, wie er kürzlich enthüllte, vor Beginn eines Spiels jeweils »eine ruhige Natur mit spiegelglattem See« in seinen Gedanken ausmalt. Dr. Stein arbeitet mit Entspannungs-CDs, die er individuell auf Personen abstimmt, mit Flüsterstimmen abrundet und die schon Franz Beckenbauer 1986 seinen Spielern vor dem Abflug zur WM nach Mexiko »unterjubelte«. 

Der ehemalige Mentalcoach des VfB Stuttgart, Thomas Baschab (41), verwendet viele so genannte »Mobilisationstechniken«. Dabei wird der Sportler animiert, sich bestimmte Dinge vorzustellen und sich in diese hineinzuversetzen. Für Schlagzeilen sorgte der Mann, der unter Trainer Ralf Rangnick sehr häufig auftrat, in der Saison 1999/2000. Vor dem Ligaspiel gegen die Bayern hielt er eine Sitzung ab, in der jeweils zwei VfB-Profis eine lange Eisenstange unterhalb ihres Adamsapfels einklemmen und dann aufeinander zugehen müssen. Sie erinnern sich: Die Eisenstangen verbogen sich, tags darauf gewann der VfB mit 2:0.

Eine weitere mentale Trainingsmöglichkeit nennt Görs das »Zurück zur alten Stärke durch die geistige Wiederauferstehung guter Leistungen«. In der Praxis bedeutet dies beispielsweise eine Videoanalyse von erzielten Traumatoren des »Stürmers in Behandlung«. Görs aber warnt auch vor einer überzogenen positiven Sicht. »Man sollte immer auch auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein«, sagt er. Und gibt das Negativbeispiel schlechthin: Leverkusen, genauer die Saison 1999/2000, das Trauma von Unterhaching. »Die Mannschaft hätte sich damals auf die Situation Gegentor vorbereiten müssen.« Sie war es nicht und verspielte den sicher geglaubten Meistertitel in letzter Sekunde. 

Dabei hatte Trainer Christoph Daum damals in Jürgen Höller sogar mentale Hilfe engagiert. Der sorgte für Schlagzeilen, als er die Bayer-Profis über Glasscherben laufen ließ, aber, und dies wurde zum entscheidenden Nachteil, der spektakuläre Auftritt blieb ein einmaliges Motivationstraining ohne Langzeitwirkung.

Mentaltraining aber sollte ebenso regelmäßig erfolgen wie das »normale« Training; eine Weiterentwicklung ist immer möglich. Vielleicht hätte es Leverkusen in der letzten Saison mit geistigem Training ja geschafft, den heiß ersehnten Titel zu holen. »Die Öffentlichkeit hat gespürt, dass das Thema Titel unausgesprochen im Raum stand«, sagt Görs, »und die ausgesprochene Zielsetzung 'Bloß nicht verlieren' statt 'Wir wollen gewinnen' war von Anfang an negativ behaftet. Das ist wie wenn sie sagen: 'Denken Sie jetzt bitte nicht an eine Zitrone!' Und an was denken Sie gerade...?«

Okay, okay. Trotz dieser Erfolgsaussichten arbeiten heute nur zwei Bundesliga-Klubs regelmäßig mit einem Mentaltrainer zusammen. Warum? Baschab - der neben Bayerns Pablo Thiam auch den Bremer Krisztian Lisztes und VfB-Keeper Timo Hildebrand betreut - sagt, »dass viele nicht wissen, was Mentaltrainer bewirken können«, und verweist auf die »schwarzen Schafe« in seinem Berufsfeld, die ihre Tätigkeit in der Öffentlichkeit »brutal ausgeschlachtet« haben, so dass die Klubs »erst mal skeptisch« seien.

Auch Heinz-Günter Boßmann, Verhaltenstrainer, der seit Januar 2002 Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Trier mental betreut, kennt einige Gründe für die "mentale Zurückhaltung" in der Bundesliga. Da sei zum einen die "Couchschiene", die in der Öffentlichkeit schnell für ein negatives Image des Sportlers sorge, "und dann kommt oft der Trainer dazu"; viele Fußball-Lehrer sähen ihre Kompetenz durch einen Mentaltrainer untergraben. "Nur sehr selbst-bewusste Trainer sind offen für so etwas", sagt Boßmann. Immerhin hat er mit seinem "Acht-Modul-Mentalplan" dazu beigetragen, das 21 Jahre alte Trierer Ziel von einer Rückkehr in die Zweite Bundesliga zu verwirklichen.

Zum Mentaltraining zwingen würde der 52-Jährige keinen Spieler. Und da sind wir bei einem weiterem Problem: Mentaltraining mit Einzelsportlern, die dazu bereit sind - gut und erfolgreich. Aber mit Mannschaften? Was, wenn nicht jedes Teammitglied mitzieht? 

»Ein Tropfen Öl verdirbt ein Fass voll Wasser - genau so kann es in einem Fußballteam sein«, sagt Görs.
Einer, der sich selbst viel mit Psychologie im Sport beschäftigt, ist Oliver Kahn. »Gerade wir Torhüter leben in ganz besonderem Maße von unserer mentalen Stärke«, sagt der Nationalkeeper, der seit etwa drei Jahren mentales Training betreibt. Sein Focus liegt dabei mehr auf dem Entspannen als in der Motivation, »denn motiviert bin ich sowieso«. Stimmt, sagt Axel Görs, warnt aber zugleich vor »Übermotivation, die zu Verkrampfung führen« kann. Alles in Maßen also - auch das Mentaltraining.
Jana Wiske

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