Sportpresse

23.10.2006

FOCUS 43/2006

Zitronen im Kopf Management-Fehler ließen den Meisterschaftskandidaten HSV in die Abstiegsregion der Bundesliega abrutschen
Hamburger SV

Zitronen im Kopf

Frank Lehmkuhl/ Management-Fehler ließen den Meisterschaftskandidaten HSV in die Abstiegsregion der Bundesliega abrutschen

Frustriert sitzen Karsten Bäron und die anderen HSV-Kicker auf dem Rasen.  Drei Tore hat ihnen der 1. FC Kaiserslautern im Volksparkstadion eingeschenkt. Seit sieben Spielen hat Meisterschaftsaspirant HSV nicht gewonnen, ist von Rang drei auf Rang zwölf durchgereicht worden. Es ist der 7. Mai 1994.  Kollektivtrübsal in Hamburg.

Déjà-vu beim Bundesliga-Dino. Mehr als zwölf Jahre ist die Pleitenserie jetzt her, und wie damals herrscht nach einer Jubelsaison Dauertristesse in der Hansestadt. Mehr als ein Dutzend Spiele ohne Sieg, raus aus dem DFB-Pokal, Schlappe in der Champions League - die Truppe von Coach Thomas Doll stolpert von Schmach zu  Schmach. "Die größt-anzunehmende Seuche in Tateinheit mit Dummheit", diagnostiziert HSV-Präsident Bernd Hoffmann. Der Göttinger Sportpsychologe Axel Görs konstatiert dagegen Management-Fehler: "Die Verantwortlichen haben auf einer Woge des Erfolgs vergessen, Misserfolg einzukalkulieren." Der Mentaltrainer hatte vor einigen Jahren den HSV-Profis Selbstbewusstsein eingehaucht. 

Das Ungemach drohte, deutete sich schon vor Monaten an. Leistungsträger wie Sergej Barbarez und Daniel van Buyten wanderten ab. Wahllos kauften Chef Hoffmann & Co. Ersatz in Form von Joris Mathijsen, Danijel Ljuboja oder Juan Pablo Sorin. Bekannte Namen, viele Sprachen, keine Einheit. Zudem störte Verteidiger Thimothee Atouba die Ruhe, in dem er lautstark mehr Gehalt forderte. Niederlagen und Unentschieden dominierten fortan die Spielstatistik des einstigen deutschen Meisters. 

Mit jedem vergeigten Spiel sanken die Schultern der Blau-Weiß-Schwarzen. Gegen Schalke musste Boubacar Sanogo, vergangene Saison noch bei Absteiger Kaiserslautern, zum Elfmeterpunkt geschoben werden, weil sich kein Gestandener traute. Sanogo scheiterte, Schalke siegte. "Vom Druck des Gewinnenmüssens können sich die Spieler nicht freimachen", analysiert Psychologe Görs, "wenn ich einem sage, er soll nicht an eine Zitrone denken, denkt er an eine."

Zum Kopfproblem gesellt sich Unlenkbares, das schon 1994 mit zum Absturz führte. Der HSV, so Görs, spiele auch deshalb erfolglos, "weil er zurzeit einfach zuviel Pech hat".

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